Mödlareuth

Nachdem wir bereits viele Museum und Kulturstätten besichtigt haben, beschließen wir, uns die jüngste Zeitgeschichte von Deutschland anzusehen. Wir machen uns auf den Weg nach Mödlareuth, das die Amerikaner „Little Berlin“, das Dorf am Ende der Welt nannten. Die kleine Gemeinde wurde, wie Berlin, zum Symbol der deutschen Teilung. Unterschied ist, daß es in Mödlareuth zwar eine Mauer, jedoch keinen Checkpoint gab.

Geschichte

Urkundlich läßt sich der Mödlareuth bis zum Jahr 1289 zurückverfolgen. Durch das Dorf fließt der Tannbach, der im 16. Jahrhundert die Grenze zwischen dem Markgrafentum Bayreuth und der Grafschaft Reuß-Schleiz festlegte. 1810 wurde es dann die Grenze zwischen dem Königreich Bayern und dem Fürstentum Reuß. Nach dem Ersten Weltkrieg ging der Westteil von Mödlareuth an den neu gegründeten Freistaat Bayern und der Ostteil an das Land Thüringen.

Auf das Alltagsleben der Mödlareuther hatte die Grenze keine Auswirkung. Das Wirtshaus und die Schule waren im thüringischen Teil von Mödlareuth, zur Kirche ging man gemeinsam in das bayerische Pfarrdorf Töpen. Die Männer trafen sich gemeinsam im Gesangverein und zogen zusammen in den Krieg.

1945 kam der thüringische Teil von Mödlareuth zur sowjetischen und der bayerische Teil zur amerikanischen Besatzungszone. Als im Jahr 1949 das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland und die Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik verabschiedet wurde, verlief durch den kleinen Ort die Grenze. Mödlareuth-Nord gehörte zur DDR und Mödlareuth-Süd zur Bundesrepublik Deutschland. Die Mödlareuther konnten die Grenze, den Tannbach, nur mit einem Passierschein und dem „Kleinen Grenzschein“ überqueren. Somit waren beide Teile Mödlareuths nicht nur Bestandteil zweier verschiedener Staaten, sondern auch unterschiedlicher politischer, militärischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Systeme geworden.

Durch die Grenze wurde nicht nur das Dorf geteilt sondern auch Familien wurden getrennt. Sie konnten sich nicht mehr gegenseitig besuchen und durften sich nicht einmal über den Zaun zuwinken. Jegliche Kontaktaufnahme über die Mauer hinweg war streng verboten und wurde unter Strafe gestellt. Mit der Zeit entwickelten sich zwischen den Familien geheime Rituale. Sie stellten sich immer am Sonntagmorgen auf eine Anhöhe und verständigten sich mit einer Zeichensprache.

Dies änderte sich am 26. Mai 1952 mit dem Beschluss des Ministerrates der DDR über die „Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der DDR und den westlichen Besatzungszonen Deutschlands“. Die Teilung Deutschlands war endgültig besiegelt. Es wurde ein 10 Meter langer Kontrollstreifen angelegt. Beim Betreten des Kontrollstreifens wurde von der Schusswaffe Gebrauch gemacht. Mit der nächtlichen Ausgangssperre und dem Versammlungsverbot wurde das gesellschaftliche Leben eingeschränkt. Als „Unzuverlässig“ geltende Bewohner grenznaher Gebiete wurden zwangsumgesiedelt (Aktion Ungeziefer).

Grenzsoldat mit Schusswaffe

Im Juni 1952 senkte sich der „Eiserne Vorhang“ in Mödlareuth mit der Errichtung eines übermannshohen Bretterzaunes. Nach dem Bretterzaun folgte ein „Flandernzaun“, eine Konstruktion aus Holzpfählen und Stacheldrahtgeflecht. 1961 wurde ein einreihiger Stacheldrahtzaun an Betonsäulen gebaut, den man ein Jahr später um zwei weitere Stacheldrahtreihen ergänzte. 1964 wurde auch der Blickkontakt zwischen Ost und West durch eine Plattenwand aus Beton- und Holzelementen mit Stahlabweisern unterbunden.

Im Jahr 1966, fünf Jahre nach dem Mauerbau in Berlin, wurde dann eine 700 Meter lange, 3,30 Meter hohe Betonsperrmauer mit einem Beobachtungspunkt errichtet. Dies hatte zur Folge, daß in den Jahrzehnten der deutschen Teilung der DDR-Teil vom Dorf Tag und Nacht unter schärfster Bewachung stand und sich die Mauer auf der bundesdeutschen Seite zu einer Touristenattraktion entwickelte.

der Todesstreifen

Die Sicherung von Bach- uns Flussläufen war ebenfalls Bestandteil des Sperrsystems im DDR-Grenzgebiet um Fluchtversuche von DDR-Bürgern zu verhindern. Hierfür wurden Wassersperren unterschiedlicher Bauart installiert. Die manuell oder mechanisch bewegbaren Eisengitter waren verschlossen und mit einem verdeckt angebrachten Signalschalter versehen. Beim unbefugten Hochziehen des Gitters löste der Schalter einen Alarm in der nächsten Führungsstelle der DDR-Grenztruppen aus. Der Durchlass des Tannbaches unter der Mauer wurde noch 1988, ein Jahr vor der Mauereröffnung erneuert und mit dem Bachsperrwerk vom Typ „Werra“ gesichert.

Am 9. Dezember 1989, einen Monat nach dem Fall der Mauer in Berlin, wurde der Grenzübergang Mödlareuth eröffnet.

Nach einer Ansprache des Bürgermeisters von der Gemeinde Töpen folgten Grußbotschaften des damaligen Bundeskanzlers Dr. Helmut Kohl und des amerikanischen Präsidenten George Bush sen., der im Februar 1983 als damaliger Vizepräsident „Little Berlin“ besucht hatte.

Danach gingen beide Bürgermeister als Erste durch das geöffnete Tor in der Mauer, das zunächst nur von 8.00 bis 22.00 Uhr geöffnet war. Es wurde mit Bier, Glühwein, Sekt und thüringischen Bratwürsten gefeiert. Nachts verschlossen DDR-Grenztruppen das Tor wieder. Bundesbürger benötigten zum Grenzübertritt einen Reisepass, DDR-Bürger einen Personalausweis, die mit einem Visumstempel versehen wurden.

Über 37 Jahre war ein legaler Grenzübertritt nicht möglich, um von einen in den anderen Ortsteil zu gelangen, doch manche Einwohner haben ihren Humor trotzdem nicht verloren.

Heute hat Mödlareuth noch 40 Einwohner. Im Teil vom Freistaat Bayern wohnen 16 Personen, im Teil vom Freistaat Thüringen leben 24 Menschen und mehrere Enten.

Das Museum ist auch sehr interessant.

Mödlareuth-Nachbau in Miniatur
eine Feldküche

Bei unserem Besuch konnte ein Teil vom Gelände wegen Bauarbeiten nicht betreten werden. Die Mauer wird gerade restauriert.

der hohe Wachturm

Auf dem Plakat steht: „Nur wer die Vergangenheit kennt, wird die Gegenwart verstehen“